Es gibt diesen Trick, den jeder mit sich selbst ausprobieren kann, ohne aufzustehen: Man spüre einmal kurz in die eigenen Füße hinein. Und schon ist da ein Gefühl, das eben noch nicht existierte – oder doch existierte, aber unbemerkt, irgendwo am Rand des Bewusstseins verarbeitet. Dann die Hände, ihre Temperatur. Womöglich stellt sich heraus: kalt. Und sofort beginnt im Kopf eine kleine Erzählung, warum das so ist, was es bedeutet, ob man sich Sorgen machen müsste. Eine neue Wirklichkeit, entstanden aus nichts als einer verschobenen Aufmerksamkeit.
Genau hier, an dieser unscheinbaren Stelle, sitzt das, was Jan Becker seit seiner Jugend umtreibt. Hypnose, sagt der Hypnotiseur und Autor, sei im Kern nichts Geheimnisvolles, sondern „Aufmerksamkeit und Fokus“ – und wenn man diese verändere, verändere sich die Wahrnehmung, und mit ihr das Modell, das wir uns von der Realität machen. Der weitaus größte Teil dessen, was wir für die Welt halten, sei ohnehin subjektiv, Tag für Tag neu zusammengesetzt. Die provozierende Konsequenz dieses Gedankens: Die Frage, ob jemand hypnotisierbar sei, stelle sich gar nicht. „Es gibt nur die Frage, erkenne ich, dass ich gerade meine eigene Realität gestalte.“ Wir seien, in diesem Sinne, eigentlich immer in Trance.
Das Gehirn, das sich selbst glaubt
Die Hirnforschung der vergangenen Jahre hat diesem alten Bühnenhandwerk eine erstaunlich nüchterne Begründung geliefert. Das Gehirn arbeitet demnach permanent im Vorhersagemodus, es rechnet, was als Nächstes kommt – und es hat dabei eine entwaffnende Schwäche: Es glaubt sich seine eigenen Prognosen. „Unser Gehirn ist nicht so ganz schlau, weil es glaubt sich jede Vorhersage, die es trifft“, sagt Becker. Wer eine Spinne sieht und eine Phobie hat, dessen Apparat sagt: wegrennen.
Die Kunst besteht darin, diesem System einen anderen Impuls unterzuschieben, von innen oder von außen, sodass es eine neue Vorhersage wagt. Becker beschreibt das mit Bildern, weil das Nervensystem mit Bildern besser umgehen kann als mit guten Vorsätzen. Wer sich nicht zum Sport aufraffen kann, soll erst einmal benennen, wie sich die Unlust anfühlt – vielleicht wie eine Bowlingkugel, die schwer auf der Brust liegt. Verwandelt man die Kugel in einen leichten Tischtennisball, verschiebt sich auch das Verhalten. Der eigentliche Hebel aber liegt tiefer, in der Identität: Solange jemand „der Genießer“ sei, werde er den Sport an der Tür abweisen; werde er zum „Sportler“, öffne er, ohne nachzudenken. Das, betont Becker, habe nicht die Hypnose erfunden. Sie habe nur erkannt, wie Veränderung beim Menschen überhaupt funktioniert – über neue Bilder, neue Identitäten, die irgendwann zur Selbstverständlichkeit werden.
Gegen die Diktatur der Optimierung
Und doch wäre es ein Missverständnis, in alldem bloß eine weitere Technik der Selbstverbesserung zu sehen. Becker, der den boomenden Coaching-Markt mit Skepsis betrachtet, hält ausgerechnet hier dagegen: Die Idee, eine ideale Version seiner selbst zu entwerfen und sie Punkt für Punkt abzuarbeiten, sei „unfassbar anstrengend“ und führe „oft einfach ins Leere“. Das Unperfekte sei manchmal die bessere Motivation; wer alles, was Rausch und Leidenschaft bedeute, aus dem Leben tilge, riskiere, dass am Ende „das Sein tatsächlich weg“ sei.
Diese Gelassenheit hat eine Geschichte. Becker, der als junger Mann durch Varietétheater tingelte, kennt das Ausgebranntsein, kennt das Krankenhaus, in dem er einmal vergeblich versuchte, mit den eigenen Methoden gegen den Schmerz anzukommen – und scheiterte, weil ein Hirn unter Morphium keine Suggestion aufnimmt. Der Tod eines Freundes mit Mitte fünfzig, ein Jahr von Diagnose bis Ende, hat den Rest besorgt. Was bleibt, ist eine fast schmucklose Lebensformel, die er beinahe trotzig wiederholt: „so lange wie möglich, so gut wie möglich“. Und eine Warnung an eine Gegenwart, die im Mentalen vor allem nach Abkürzungen sucht – nach dem nächsten „Mindtech“, dem nächsten Shortcut in die Harmonie. „Tiefe Harmonie im Leben bedarf auch oft einer tieferen Beschäftigung mit deiner Psyche“, sagt er, „als jetzt nur mal kurz ein Buch zu lesen und denken, ah, jetzt habe ich es verstanden.“
Das Staunen als Tür
Bleibt die Frage, wozu dann die Tricks, die Pin-Codes, die scheinbar erratenen Wörter, mit denen Becker auf seiner aktuellen Tour „Hypnotize the World“ durch Deutschland zieht. Die Antwort führt zurück zum Anfang, zum Spürbarmachen. Wer staunt, sagt Becker, werde für einen Moment vollständig in die Gegenwart gezogen, eine „Mini-Erleuchtung“, nach der das Gehirn in einen Lernmodus kippe, ein „Model-Update“, in dem es bereit sei, sein Bild der Welt neu zu justieren.
Genau diesen Zustand nutze er auch im Coaching, bevor es um die eigentliche Veränderung geht. Im Gespräch, das diesem Text zugrunde liegt und in dem all diese Gedanken Raum bekamen, ließ er es nicht bei der Theorie: ein Wortspiel, das wie zufällig auf einem vorab notierten Begriff landete, eine improvisierte Annäherung an eine spontan gewählte Geheimzahl. Doch der eigentliche Punkt lag jenseits des Effekts. Am Ende verschob Becker die Aufmerksamkeit ein letztes Mal – weg vom „Jetzt“, das ohnehin schon vorbei sei, hin zum „Hier“.
Man sitze, sagte er, auf einem großen runden Ball, der frei im Nichts schwebe, in genau dem richtigen Abstand zu einem Feuerball namens Sonne. Sich dieses Wunders bewusst zu werden, das könne womöglich mehr verändern als jeder Trick. Es ist, recht besehen, der älteste hypnotische Satz überhaupt: Schau hin, wo du bist.
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