Auf der Pfaueninsel steht ein Gedenkstein, an dem die meisten Besucher achtlos vorbeigehen. Johannes Kunckel heißt der Mann, an den er erinnert, und wer sich die Mühe macht, seiner Spur zu folgen, landet in einer der erstaunlichsten Episoden der brandenburgischen Geschichte: Ein Alchemist, der dem Großen Kurfürsten Gold versprach, bekam dafür 1685 eine ganze Insel geschenkt. Gold hat er nie gemacht. Stattdessen entstieg seinen Öfen ein Glas, rot wie ein Rubin, so schön und so rätselhaft, dass es binnen kurzem zum begehrtesten Luxusgut Europas wurde. Florian Illies hat dieser Figur nun ein Buch gewidmet, "Träume aus Feuer", und wer ihm zuhört, begreift schnell, dass es ihm um weit mehr geht als um eine barocke Kuriosität.
Denn Kunckel, wie Illies ihn zeichnet, war kein versponnener Magier mit weißem Haar, um den es dampft und knallt. "Die Berufsbezeichnung Alchemist ist in seinem Fall völlig unzutreffend", sagt Illies. "Ich glaube, er hat den Alchemisten ein wenig gespielt, um die Fürsten zu überzeugen. Er selbst begriff sich ganz offensichtlich längst als Naturwissenschaftler." Um 1680 war das eine Rolle, die es eigentlich noch gar nicht gab. Kunckels Schrift über die Glasmacherkunst wird später Goethe mit Irritation und Bewunderung als eine der ersten naturwissenschaftlichen Publikationen Deutschlands beschreiben. Zugleich war dieser Mann Unternehmer durch und durch: Er betrieb ein Bergwerk im Harz, baute auf der Insel aus dem Nichts eine funktionierende Manufaktur auf, holte Arbeiter, ließ eine Mühle errichten und verstand, warum Glas auf einer Insel produziert werden muss. Wegen der Geheimhaltung, wegen des Löschwassers, und weil die empfindlichen Gefäße besser übers Wasser reisten als über brandenburgische Landstraßen.
Was ein Kurfürst konnte, was Venture Capital nicht kann
Man kann diese Geschichte als frühneuzeitliche Startup-Erzählung lesen, und die Parallelen zum Berlin der Gegenwart drängen sich auf. Auch damals war der Staat klamm, der Dreißigjährige Krieg lag gerade hinter Brandenburg, und der Kurfürst hoffte schlicht auf ein Wunder, das seine Kassen füllt. Doch an einer entscheidenden Stelle bricht die Analogie, und genau dort wird sie interessant. "Ich weiß nicht, ob die Venture-Capital-Fonds sich in einer Rolle als Gönner begreifen", sagt Illies. "Ich glaube, auf gar keinen Fall. Sie würden auch nicht, wie es der Kurfürst getan hat, einem kleinen Startup eine Insel schenken." Der Gönner alten Typs finanzierte keinen Business Case, er finanzierte einen Traum. Dass Kunckel am Ende dennoch lieferte, gehört zu den Ironien dieser Geschichte: Sein Rubinglas wurde an den Höfen von Wien bis Paris verkauft und diente in Afrika, wo der Kurfürst von einem Kolonialreich träumte, sogar als Tauschmittel gegen Gold. Der Alchemist hatte sein Versprechen auf verschlungenem Weg doch noch eingelöst.
Ob unsere Gegenwart, in der jede Idee dreimal geprüft wird, bevor jemand sie ausprobieren darf, noch Raum für solche Träume lässt? Illies antwortet darauf mit einer Gelassenheit, die er selbst urromantisch nennt: "Immer gibt es Zeit zum Träumen. Auch jetzt gibt es ganz viel Zeit zum Träumen." Wem heute etwas einfalle, das Kinder zum Träumen bringe oder Menschen Sicherheit verheiße, der werde auch heute Geld dafür finden.
Vom Aufstieg, vom Fall und von der bösen Stiefmutter
Kunckels Glück währte kurz. Als der Kurfürst starb, wollte dessen Sohn alles anders machen als der Vater, und der Glasmacher wurde zum Bauernopfer eines höfischen Machtwechsels. Auf eine sehr preußische Weise, wie Illies anmerkt: Man stellte ihm nachträglich eine Rechnung über sämtliche Gelder, die er je erhalten hatte, ruinierte ihn und brannte nieder, was er auf der Insel aufgebaut hatte. "Alles löst sich in Feuer auf", sagt Illies über das Ende seines Buches. "Die Träume, die aus Feuer geboren sind, gehen im Feuer auch unter." Dass Brandenburg damit ein funktionierendes Geschäftsmodell zerstörte, von dem es selbst profitierte, macht den Vorgang umso irrationaler. Eine Parabel auf die Kurzlebigkeit des Glücks nennt Illies diese Geschichte, und darauf, wie schnell Zuneigung und Aufmerksamkeit kommen und wieder verschwinden.
Neben Kunckel hat das Buch eine zweite Hauptfigur, die Illies unbedingt entdeckt sehen möchte: Kurfürstin Dorothea, die europaweit gefürchtet und geachtet war, ihren Mann auf die Schlachtfelder begleitete, als Immobilienentwicklerin die Dorotheenstadt aufbaute und gegen alle hohenzollernsche Tradition durchsetzte, dass ihre Kinder gleichberechtigt am Erbe beteiligt wurden. In die Literatur eingegangen ist sie trotzdem nur als böse Stiefmutter, verdächtigt, ihren Stiefsöhnen Gift ins Essen zu mischen. "Was wir an Wahrheit wissen, ist, dass sie eine feministische Vorkämpferin war", sagt Illies. Es ist ein Muster, das ihn offenkundig umtreibt: wie das kollektive Gedächtnis auswählt, wen es behält, und nach welchen Erzählschablonen es die anderen entsorgt.
Die Energie des Wiederentdeckers
Denn 1686 hätte ganz Brandenburg voller Gedenktafeln für Johannes Kunckel stehen können, hundert Jahre später kannte ihn niemand mehr. Caspar David Friedrich, über den Illies zuletzt schrieb, erging es ähnlich: zu Lebzeiten verehrt, danach zwei Jahrhunderte lang vergessen. Bei einem Historiker, der über Wiederentdeckungen forschte, hat Illies studiert, und dessen These hat sich ihm eingeprägt: Der Wiederentdecker muss eine irre Energie mitbringen, und genau diese Energie ist ansteckend. Figuren dagegen, die seit Jahrhunderten ein bisschen bekannt sind, lassen sich viel schwerer erzählen. Illies hat für diese Haltung ein eigenes Wort gefunden. Nicht Neugierde treibe ihn an, sondern "Altgierde": die Lust, Vergessenes aus der Vergangenheit zu holen, sofern es sich um große, bunte, sinnliche Geschichten handelt.
Dass die Digitalisierung das Vergessen womöglich abschafft, weil künftig alles gespeichert bleibt, beunruhigt ihn dabei weniger, als man vermuten könnte. Die Datenfülle allein erzähle noch nichts, sie müsse intelligent befragt werden. Und die Entscheidung, welche Geschichte aus dieser Fülle ein Buch wird, ein Film oder ein Podcast, bleibe eine menschliche. Auf die Frage, ob er an eine Kreativität glaubt, die sich auch langfristig nicht reproduzieren lässt, antwortet Illies mit einem Bild, das im Gedächtnis bleibt: Jedes Kunstwerk sei durch einen Körper gegangen, der Verlust erlebt hat, der Angst vor dem Tod kennt, der sich schwach oder stark fühlt. "Aus diesem Erfahrungsreichtum, der im eigenen Körper sitzt, wird immer noch etwas anderes kommen als aus einem gekühlten Rechenzentrum."