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Wolfgang Fierek
FOLGE19627. August 2026 · 57 Minuten

Wolfgang Fierek über Amerika, Motorräder und das Weitermachen

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Man muss sich diese Szene vorstellen: Death Valley, August, die Luft flimmert über dem Asphalt. Am Straßenrand steht ein junger Bayer neben seinem überhitzten Mietwagen, einen Wine Cooler in der Hand, als aus der Ferne ein Punkt näher kommt, begleitet vom Grollen eines Harley-Motors. Der Fahrer trägt eine abgeschnittene Tarnjacke, Bandana, Armeestiefel, er rauscht vorbei, als wäre der Gestrandete Luft, dreht dann doch um. „Hey, Brother, alles okay?" Man trinkt zusammen, der Vietnam-Veteran bittet um ein paar Dollar fürs Benzin, und bevor er weiterfährt, sagt er einen Satz, der ein Leben verändern wird: „Das nächste Mal, wenn du durch Amerika fährst, dann fährst du auf einer Harley – und nicht in so einer Scheißkiste."

Der junge Bayer war Wolfgang Fierek, das Jahr 1979. Seither ist er fast jedes Jahr zurückgekehrt, längst auf zwei Rädern, seit 1994 besitzt er ein Haus in Arizona. Nun hat der Schauspieler, den das deutsche Fernsehpublikum als singenden Traktorfahrer und als „Bayer auf Rügen" kennt, seine amerikanischen Jahrzehnte aufgeschrieben. „Born to be Fierek" heißt das Buch, ein Wortspiel, das die Selbstironie seines Autors verrät. Doch wer es als bloße Motorrad-Memoiren liest, verpasst das Eigentliche. Fierek hat, ohne es so zu nennen, eine Verteidigungsschrift verfasst: für ein Land, über das die Deutschen viel reden und von dem sie wenig wissen.

Hamburger, Orangensaft und der Geruch von Einbereichsöl

Fiereks Amerika beginnt in Neubiberg bei München. Seine Eltern, Vertriebene aus Schlesien, waren über ein Auffanglager in Berchtesgaden nach Oberbayern gekommen; der Vater, gelernter Koch, fand Arbeit in der Kantine der amerikanischen Air Force Base. Sonntags fuhr die Familie hinüber, es gab Hamburger und Orangensaft aus der Dose, Dinge, die es im Nachkriegsdeutschland sonst nirgends gab. Und eines Tages brachte der Vater, selbst Motorradenthusiast, die Harley eines heimkehrenden G.I. mit nach Hause. Die Mutter legte ihr Veto ein, zu viel Hubraum, zu teuer die Versicherung. Geblieben ist dem Sohn der Klang der Maschine und ihr Geruch, den er noch heute beschreiben kann: das zähflüssige Einbereichsöl, das „wie bei einer hübschen Frau ein Parfum" in der Luft hing.

Dass aus dieser Kindheitserinnerung eine Lebensform wurde, verdankt sich einer Kette von Zufällen, wie sie sich kein Drehbuchautor trauen würde. Ein heißer Sommertag in München, ein Kinobesuch zur Abkühlung, der falsche Saal: Statt der geplanten Vorstellung lief „Easy Rider". Fierek saß im Dunkeln und staunte über das Licht. „Was haben denn die für ein geiles Licht in Amerika?", erinnert er sich gedacht zu haben. Jahre später versprach ihm eine Tischgesellschaft im Biergarten, wo er damals kellnerte, die Hauptrolle in einer Fernsehserie über einen Motorradpolizisten. Fierek, der gar keinen Führerschein besaß, behauptete das Gegenteil, bestand die Prüfung binnen einer Woche im zweiten Anlauf und stand tatsächlich einen Drehtag lang vor der Kamera, bevor der Produzent mit der Kasse verschwand. „Karriere beendet", sagt Fierek trocken. „Was habe ich gehabt? Einen Führerschein." Es war der Führerschein, der ihn später zum „Bayern auf Rügen" machte. Und aufs Motorrad brachte.

Was die Weite lehrt

Man könnte all das als Anekdotenschatz eines Volksschauspielers abtun, wäre da nicht der Ernst, mit dem Fierek von dem Land erzählt, das er durchfahren hat wie kaum ein zweiter Deutscher. Vom Mittleren Westen, den er jeder Küstenroute vorzieht, von Louisiana mit seiner Cajun-Kultur, von den Reservationen der Hopi und Zuni, in die er sich abseits der Straßen vorwagt. Wer verstehen wolle, „warum Amerika so tickt", sagt er, müsse nur einmal mit dem Motorrad von Florida nach Kalifornien fahren und sich dabei vergegenwärtigen, dass dieselbe Strecke einst Monate im Planwagen dauerte. Die vielzitierte amerikanische Härte, der Optimismus, der Europäern oft naiv erscheint: Für Fierek sind das keine Mentalitätsklischees, sondern Erbstücke einer Besiedlungsgeschichte, in der Aufgeben keine Option war. In Mississippi sah er einmal eine verlassene Ranch, auf deren Wand der Besitzer geschrieben hatte: „I'm done, I get the fuck out of here." An der Tankstelle erfuhr er die Geschichte dahinter: Dreimal hatte ein Tornado den Hof zerstört, zweimal hatte der Mann wieder aufgebaut. „Die Stärke kommt ja irgendwo her", sagt Fierek. „Wenn du nie gefordert wirst, kannst du keine Stärke haben."

Auch den deutschen Dauervorwurf der amerikanischen Oberflächlichkeit lässt er nicht gelten. Das „Honey, how is your day today?", mit dem ihn 1979 eine Kellnerin in San Francisco begrüßte, hatte zu ihm in Deutschland noch nie jemand gesagt. Er nennt es eine „Floskel der Höflichkeit", gemeint sei sie im Moment ihres Aussprechens durchaus ernst. Als 2008 die Finanzkrise seine Nachbarschaft in Scottsdale traf und Bauunternehmer reihenweise in die Pleite riss, hörte er von den Betroffenen immer denselben Satz: „I'm healthy, meine Frau ist gesund, meine Kinder sind okay – we make it." Fierek selbst, das betont er mehrfach, habe in bald fünfzig Jahren „nicht eine negative Begegnung" in den USA erlebt. Man darf das für geschönt halten. Man kann darin aber auch die Erfahrung eines Mannes erkennen, der dem Land stets anders begegnet ist als die Touristen auf den eingetretenen Pfaden: neugierig, respektvoll, mit Trinkgeld.

Fünf Operationen und ein Medizinmann

Wie ernst es Fierek mit der amerikanischen Lektion vom Weitermachen meint, zeigte sich 2003, als ihn ein schwerer Motorradunfall aus der Bahn warf. Die Ärzte wollten das zertrümmerte Bein amputieren. Seine Frau Djamila verhinderte es mit einer Ansage, die selbst den Chirurgen beeindruckte: „Sie schneiden von meinem Mann nichts weg. Und wenn er sterben muss, dann muss er sterben." Fünf Operationen später begann die eigentliche Arbeit, denn schlimmer als die Schmerzen, sagt Fierek, waren die Depressionen und die Zukunftsangst. Geholfen hat ihm, natürlich, Amerika: die Sonne Arizonas, ein Medizinmann aus Tombstone, der ihm die Angst nahm, und schließlich ein texanischer Freund, der ihn nicht fragte, ob er sich das Fahren wieder zutraue, sondern schlicht: „Morgen fahren wir nach Silver City in New Mexico, kommst du mit?" Fierek fuhr mit. Drei Tage, ohne Angst.

Dass er nun, mit Mitte siebzig, doch noch zum Autor geworden ist, verdankt sich einem Zitat, das ihm zugetragen wurde und das von einem indigenen Häuptling stammen soll: Jeder ältere Mensch sei eine wandelnde Bibliothek. Fiereks Bibliothek ist nun aufgeschlagen, mit Tourenvorschlägen im Anhang für alle, die es ihm nachtun wollen. Sein Fazit klingt wie eine Kurzfassung des ganzen Buches: „Mein Unfall war auch nicht negativ. Das war eine Station in meinem Leben, die ich genommen habe und einfach weitergegangen bin." Und dann, im O-Ton des Mannes, der irgendwo zwischen Ottobrunn und Arizona zu Hause ist: „I'm a chief, I'm not a warrior."

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Über den Gast

Wolfgang Fierek

Wolfgang Fierek, geboren 1950 in Ottobrunn, ist Schauspieler und Musiker, bekannt aus Serien wie „Ein Bayer auf Rügen" und durch seinen Hit „Resi, i hol di mit mei'm Traktor ab". Seit 1979 bereist er die USA auf der Harley-Davidson, seit 1994 besitzt er ein Haus in Arizona; zuletzt erschien von ihm das Buch „Born to be Fierek".