Wenn in China humanoide Roboter über eine Bühne tanzen, Saltos schlagen oder im Takt die Arme heben, reagiert man hierzulande mit einem Achselzucken. Deutsche Roboter arbeiten, chinesische tanzen Ballett: So ungefähr lautet der Spott, der sich in Kommentaren festgesetzt hat. Gunter Dueck hält ihn für einen Denkfehler, und im Erkennen solcher Denkfehler hat er Übung. Der Mathematiker, einst Professor in Bielefeld und später Chief Technology Officer von IBM Deutschland, hat sich über Jahrzehnte darauf verlegt, fünf Jahre vorauszuschauen. „Ich lebe damit, dass mir keiner glaubt“, sagt er, und es klingt eher routiniert als gekränkt.
Sein neues Buch „Die neue Krone der Schöpfung“ widmet sich der nächsten Schwelle, an der er die Deutschen straucheln sieht: dem humanoiden Roboter. Dass der wie ein Mensch gebaut sein soll, hält Dueck für zwingend. Die Industrieroboter von Kuka oder Fanuc, die seit Jahrzehnten in den Autowerken schweißen, sind Greifarme hinter Gittern. Jeder neue Handgriff muss ihnen einprogrammiert werden, und wechselt das Bauteil am Band, steht wieder ein Programmierer daneben. Der Humanoide dagegen bekommt ein Gehirn, ein Sprachmodell, das sich mittlerweile auf einem Kleinrechner für ein paar Hundert Euro betreiben lässt. Er soll lernen, indem er zusieht: „Man stellt ihn daneben und sagt: Guck dir den an, der macht da irgendwas. Und nächste Woche machst du das.“ Damit das gelingt, muss er den Körper dessen haben, den er beobachtet.
Duecks liebstes Beispiel ist der Haushalt, an dem jede klassische Programmierung scheitern müsste. Die Vase soll stehen bleiben, die Blumen aber müssen raus, sobald das erste Blütenblatt fällt, und was braun wird, schneidet man ab. „Der ganze Haushalt besteht aus Sonderregeln, die für jeden Menschen anders sind.“ Kein Entwickler könne das in Code fassen. Die Hoffnung liegt woanders: „Stell dich da eine Woche still hin, und dann fängst du an zu helfen. So wie man das mit Menschen auch machen würde.“ Dass Maschinen das binnen weniger Jahre können werden, hält Dueck für ausgemacht. Unterschätzt werde es trotzdem, und die Gründe dafür haben mit Technik wenig zu tun.
Das Wort ersetzt den Blick
Dueck spricht von einer typisch deutschen Verwechslung von Erfindung und Innovation. Konzerne und Ministerien gründen Kompetenzzentren mit dreißig, vierzig Leuten, die Prototypen bauen, eine Meldung im Handelsblatt bekommen und einen Politiker zum Bandschneiden. Muss später gespart werden, verschwinden sie wieder. Vor dem Schritt vom funktionierenden Prototyp zur Massenfertigung scheut man zurück, obwohl er nach einer Faustregel, die Dueck ausgerechnet Elon Musk zuschreibt, das Tausend- bis Zehntausendfache kostet. Die Verluste dieser Phase gelten hierzulande als Beweis des Scheiterns. Anderswo zahlt man sie als Eintrittsgeld.
Am Auto lässt sich das Muster studieren. Mercedes erhielt als erster Hersteller weltweit eine Zulassung für automatisiertes Fahren auf Level 3, zunächst bis 60 Kilometer pro Stunde und nur auf freigegebenen Autobahnabschnitten. Dueck findet schon den Antrag lächerlich, die eigentliche Prüfung wäre für ihn der Münchner Goetheplatz zur Wiesnzeit. Inzwischen kauft Mercedes die Software für das automatisierte Fahren beim Zulieferer Momenta ein, und Waymo will 2027 fahrerlose Taxis durch München schicken, in Sichtweite von BMW. Batterie, Betriebssystem, Fahrsoftware und Infotainment kommen zunehmend von anderen. Den deutschen Herstellern bleibe bald nur das Blech drumherum, sagt Dueck.
Der Mangel an Neugier zeigt sich für ihn zuerst in der Sprache. Jede neue Technik bekomme in Deutschland ein Abwehrwort, das die Auseinandersetzung ersetzt. Beim Onlinehandel hieß es, Bücher und Schuhe seien „haptisch“ und ließen sich nicht im Netz kaufen. Bei der KI lautet das Zauberwort heute: „Das halluziniert nur.“ Chinesische Autos seien „Schrott“, und sie „überschwemmen“ den Markt, als handle es sich um ein Naturereignis, gegen das man nichts ausrichten könne. Als China jahrelang Porsche und S-Klasse zu jedem Preis kaufte, sprach dort niemand von Überschwemmung. Dueck vermutet, dass das Urteil über etwas Neues in der ersten Millisekunde fällt und sich danach praktisch nie mehr ändert. Er würde gern eine Studie sehen, die genau das misst.
Selbst Zeugen aus der Branche dringen kaum durch. Ford-Chef Jim Farley ist monatelang chinesische Elektroautos gefahren und hat die Erfahrung öffentlich als demütigend beschrieben. Einen Xiaomi SU7 wollte er danach nicht mehr hergeben. Farley rechnete vor, dass in einem Ford-Elektroauto rund eine Meile mehr Kabel steckt als in einem Tesla, weil dort ein zentraler Rechner die rund hundert einzelnen Steuergeräte ersetzt. Dueck schätzt, dass diese Bauweise allein ein Fünftel der Produktionskosten spart, ein Vorsprung, den keine Lohnsenkung in Ungarn oder Spanien einholt. „Bei den Robotern passiert jetzt dasselbe.“
Wo der Mensch längst fehlt
Ausgerechnet die deutsche Erwartung an den Roboter hält Dueck für verfehlt. Man wolle die Maschinen nicht „verschnickschnacken“, sie sollen im Haushalt arbeiten. Gerade der Haushalt aber werde als Letztes drankommen, weil dort niemand die Ästhetik der Bücherreihe erklären kann. Zuerst wird der Humanoide als Kollege neben Menschen stehen. In seinem Buch malt Dueck das als kleine Slapstickszene aus: Ein Klempnergeselle und ein Roboter kommen zur Reparatur. Der Roboter kennt das Spülkastenmodell aus seiner Datenbank, weiß, welches Teil am häufigsten versagt, hat im Lager nachgesehen, ob es vorrätig ist, und druckt die Rechnung aus seinem Rücken. Als der Geselle vorschlägt, wenigstens das Abschlussgespräch mit dem Kunden zu führen, lehnt der Roboter ab. „Menschen sind zu grob.“
Ernster wird es in der Arztpraxis. Dueck stellt sich einen Humanoiden neben dem Arzt vor, der nachfragt, protokolliert und das Rezept ausstellt. Bringt ein Patient eine Wunde mit, braucht es Berichte für Polizei und Unfallversicherung in jeweils eigenen Formaten, und die schreibt der Arzt heute nach Feierabend. Im Pflegeheim wird ein Roboter so bald keinen Patienten umbetten, schon weil die Haftung ungeklärt ist. Es würde reichen, wenn er vorbeikommt, vom Wetter erzählt, zum Spaziergang auffordert und an die Tabletten erinnert.
Den Einwand, damit gehe das Menschliche verloren, lässt Dueck nicht gelten. „Das größere Problem ist eigentlich, dass wir den menschlichen Anteil wegoptimieren, um mehr Geld zu machen.“ In der Bankfiliale, wo man früher auf ein Gespräch vorbeikam, wird heute zuerst die IBAN abgefragt, beim Arzt reicht die Zeit nicht mehr für ein Gespräch, weil sich die Stunde sonst nicht rechnet. Dueck erzählt von seiner Mutter, die an Alzheimer erkrankt war, und von einer Frau im Nebenzimmer des Heims, die den ganzen Tag um Hilfe rief und irgendwann vor Verzweiflung stundenlang Kirchenlieder sang. Ein Roboter für ein paar Tausend Euro, der mit ihr singt und jede Stunde nach ihr sieht, wäre dort ein Gewinn. „Das zeigt, dass ich sogar den Menschen ersetzen kann, weil der Mensch eigentlich nicht mehr da ist.“ Ähnlich denkt er über Familien, in denen erschöpfte Eltern dem Kind abends das Handy in die Hand drücken. Ein kleiner Roboter als Spielgefährte, der auf dem Weg zum Kindergarten auf den Verkehr achtet, erscheint ihm nicht als Schreckbild.
Die vierte Kränkung
Ursprünglich sollte das Buch „Die vierte Kränkung der Menschheit“ heißen. Nach Kopernikus, der die Erde aus dem Zentrum rückte, nach Darwin und nach Freud, der dem Ich die Herrschaft im eigenen Haus absprach, käme nun die Einsicht, dass eine Maschine uns übertrifft. Den Titel gab es schon, mehrfach sogar. Also griff der Verlag eine Formulierung aus dem Text auf: Der Humanoide als Krone der Schöpfung, über die wir gekränkt sein werden.
Dahinter steht Duecks Begriff des Funktionsmenschen. Er leitet ihn aus dem amerikanischen Behaviorismus ab, der auf die Innenschau verzichtet und nur das Verhalten betrachtet. Wie sich ein Mensch im Beruf zu verhalten hat, steht in jedem Leadership-Handbuch und in jedem Leitfaden fürs Callcenter, und Anreizsysteme sorgen dafür, dass wir uns daran halten. „Ich muss nicht lieb sein zu dem Bankkunden, sondern er muss mich als lieb wahrnehmen.“ Was sich so vollständig von außen beschreiben lässt, lässt sich auch programmieren. Die Debatte über das Bewusstsein umgeht Dueck mit einer gewissen Lust an der Provokation: „Bitte schreibt mir hin, was ein Bewusstsein ist, und dann mache ich ein Programm dafür.“
Wir Menschen, sagt er, erreichen vielleicht zwei Drittel des Perfektionsgrads, den man im Berufsleben von uns verlangt. Wir wissen, dass wir teamfähig, gut gelaunt und konzentriert sein sollen, und sind es oft nicht. „Der Humanoide wird ein perfekter Funktionsmensch sein. Und das ist die eigentliche Warnung in meinem Buch.“ Weiter reicht eine Frage, die Dueck einer neuen Disziplin überlassen möchte, einer künstlichen Psychologie. Neuronale Netze zeigen mit wachsender Größe Fähigkeiten, die vorher nicht da waren, so wie ein Kind mit zweieinhalb Jahren plötzlich spricht und Jahre später Ironie versteht. Dueck nennt das Emergenz und stellt ihm ein eigenes Kunstwort gegenüber, die Demergenz: den Verlust von Eigenschaften, wenn Systeme wachsen, auch in Gesellschaften.
Wo dieser Verlust droht, weiß er aus seiner Zeit als Mathematikprofessor. Verstehen entstehe erst durch Hunderte Heureka-Momente, durch Aufgaben, an denen man sich so lange festbeißt, bis es im Kopf knackt. Studenten, die Lösungen abschreiben, erleben diesen Moment nie, und Dueck vermutet, dass sie es sind, die das Mathematikstudium abbrechen. Mit der KI werde sich die Trennlinie verschärfen. Wer sich nur Lösungen liefern lässt, wird bequem mitgetragen. Wer mit der Maschine streitet und nachfragt, wird klüger. Dueck selbst zählt sich zur zweiten Gruppe, er lässt sich von der KI beim Reparieren der Spülmaschine beraten und prüft mit ihr, ob es einen Buchtitel schon gibt. Nur in einem Punkt räumt er einen Irrtum ein: „Ich habe nicht gedacht, dass das mit der KI so schnell geht.“