In der Nacht, in der Hammerbrook verbrannte, war Wolf Biermann sechseinhalb Jahre alt. Im Sommer 1943 legten die Alliierten mit der „Operation Gomorrha“ halb Hamburg in Schutt, und der Arbeiterbezirk am Kanal, in dem der Junge mit seiner Mutter in einem Hinterhaus wohnte, wurde zum Zentrum eines Feuersturms. Biermann erzählt davon bis heute mit einer Genauigkeit, die ihn selbst verblüfft. Er erinnert sich an brennende Dächer, die „wie Zeitungspapier durch die Luft flogen“, und an Menschen, die flohen wie Ameisen von einem Holzscheit im Kamin. Am stärksten aber hat sich ihm eine Beobachtung eingeprägt, die so gar nicht zu den Bildern passt, die man von solchen Nächten kennt: „Kein einziges Kind hat geweint.“ Er selbst auch nicht.
Über die Gründe hat er lange nachgedacht. Seine Erklärung klingt nüchtern, fast kalt. „Es widerspricht der Ökonomie des Seelenprozesses“, sagt Biermann. „Man schreit nur, wenn man die Chance hat, dass es gehört wird und einem Hilfe zukommt.“ Wo das Unglück alles Maß übersteige, sei es töricht, noch Kraft mit Schreien und Weinen zu vergeuden.
Man könnte diesen Gedanken für die Rationalisierung eines Traumas halten. Biermann hat daraus eine Haltung gemacht. Es sei eine Lektion gewesen, die er damals nur halb verstanden habe, „aber ich habe sie doch verstanden“. Sie fällt ihm wieder ein, wenn er auf den Krieg in der Ukraine schaut oder auf Xi Jinpings Drohungen gegenüber Taiwan, wo er einmal Konzerte gegeben hat. Und sie richtet sich gegen eine Zeit, die sich aufs Schreien sehr gut versteht. Dass vor allem Jüngere schnell in Panik verfallen, sobald draußen etwas passiert, überrascht ihn nicht: „Weil es Ihnen nicht schlecht genug geht. Deswegen können Sie sich diese Panik leisten.“
Der Keks im Leiterwagen
Wer verstehen will, woher diese Härte kommt, muss bei Emma Biermann anfangen. Ihr Mann Dagobert, Kommunist und Jude, wurde drei Monate nach der Geburt des Sohnes erneut verhaftet. 1943 teilte die Gestapo in Bremen der Witwe mit, ihr Mann sei an Herzschwäche gestorben. Biermann nennt das „die poetische Metapher für umgebracht in Auschwitz“. Der Sohn galt den Behörden als „Mischling ersten Grades“; in Yad Vashem fand er Jahrzehnte später ein Dokument, nach dem Menschen wie er bis 1947 auf ihre Ermordung hätten warten sollen.
Seine Mutter führte, wie er sagt, einen „kleinen Kampf gegen Adolf Hitler persönlich“. Er bestand darin, das Kind am Leben zu halten und ihm den Vater, den es kaum kannte, Tag für Tag nahezubringen. Jeden Morgen stand im Treppenhaus des Hinterhauses in der Schwabenstraße ein kleiner Leiterwagen, und darin lag etwas Süßes, ein Keks, ein Stück Zucker, ein Bonbon. Dazu erzählte die Mutter, wie der Gruß aus dem Bremer Zuchthaus durch die Lüneburger Heide und über die Elbe bis nach Hammerbrook gekommen sei. Biermann vergleicht das Ritual mit der Kommunion: Er habe die Oblate seines Vaters gegessen, „mit meinem Seelengeschmack“.
Die Mutter, eine Fabrikarbeiterin, sang ihm Schubert und Schumann vor, plattdeutsche Lieder, verbotene Arbeiterlieder, Volkslieder aus der Wandervogelzeit. Aus dem Volksempfänger, im Volksmund „Goebbelsschnauze“ genannt, kam der Rest. Das zeigte sich bei der einzigen Begegnung mit dem Vater, an die er sich erinnert. Der Häftling war zum Torfstechen in ein Lager nördlich von Bremen abkommandiert, viermal im Jahr durfte die Familie ihn eine halbe Stunde sehen. Die Mutter bat den Fünfjährigen, dem Papa etwas vorzusingen. Der Junge stimmte „Bomben auf Engeland“ an. In der Familie wurde daraus später ein Running Gag, und die Mutter beendete ihn jedes Mal gleich: Der Vater habe sich gefreut, er habe doch gewusst, woher das Kind das Lied hatte. „Das war meine Musikuniversität“, sagt Biermann über diese Mischung aus Kunstlied, Kampflied und Naziradio.
Ein Dichter sollte er nach dem Willen der Mutter nicht werden. „Sie wollte nur bescheiden, dass ich die Menschheit rette.“ Und dass er den Kommunismus aufbaut, zu dem sein Vater nicht mehr gekommen war. Aus dieser Prägung zieht Biermann einen Schluss, der zunächst paradox wirkt. Gerade weil er so tief im Kommunismus wurzelte, sei der Bruch mit ihm seine Aufgabe gewesen. Die Kinder der Nazis, die große Mehrheit seiner Generation, hätten es in diesem Punkt leichter gehabt. Er dagegen wollte „meinen ermordeten Vater nicht nochmal totschlagen“.
Wenn die treuen Feinde fehlen
1953 ging der Sechzehnjährige aus Überzeugung in die DDR. Die Ernüchterung kam nach eigener Auskunft nach vier Tagen, in einer Schule in Gadebusch bei Schwerin. Dort erlebte er, wie ein Mädchen aus der neunten Klasse fertiggemacht wurde, weil es zur Jungen Gemeinde gehörte. Biermann verteidigte die Mitschülerin, obwohl er nicht an Gott glaubt. Den Fehler suchte er damals allerdings bei den angepassten Mitläufern und nicht beim System. „Aber wenn die Genossen im Politbüro das wüssten“, habe er gedacht, und er hört heute selbst das Echo darin: Es ist derselbe Satz, mit dem man sich in der Nazizeit den Führer schöngeredet hatte.
Dass aus dem Ökonomiestudenten, den die Mutter für die Planwirtschaft vorgesehen hatte, ein Liedermacher wurde, verdankt er dem Berliner Ensemble. Die erste Aufführung von Brechts „Kaukasischem Kreidekreis“ fand er so missraten, dass er sie aus Wut noch einmal sah, dann ein drittes und ein viertes Mal. Danach war er Brechtianer und wurde bei Helene Weigel Regieassistent. Biermann erklärt sich solche Wendungen gern mit Hegel, dem er einmal auf dem Berliner Friedhof Gesellschaft leisten wird, wo neben dem Philosophen auch Brecht und Heiner Müller liegen. „Das Notwendige setzt sich immer zufällig durch“, zitiert er, und in politischen Zeiten wie diesen hält er den Satz für besonders anregend.
Die Ausbürgerung 1976 hätte eine Befreiung sein können. Biermann erlebte sie zunächst als Orientierungsverlust. Er habe gelernt, „dass es auch schrecklich sein kann, wenn man seine treuen Feinde verliert. Dann ist man auch wie ein politisches Waisenkind.“ Er beschreibt den Zustand mit einem Bild aus der Mathematik: Der Punkt bleibt, wo er ist, aber das Koordinatensystem um ihn herum verschiebt sich. Die Franzosen, sagt er mit Georges Brassens, nennen das „perdre la tramontane“, den Nordwind verlieren und damit jede Richtung. Lou Eisler, die Witwe des Komponisten Hanns Eisler, lachte ihn damals aus. Er laufe herum „wie das Leiden Jesu zu Pferde“, dabei dürfe er endlich öffentlich singen und bekomme sogar Geld dafür. Sie hatte recht, räumt Biermann ein, „aber das sagt sich leicht, wenn es nicht gerade das eigene Leben ist“. Drei, vier Jahre habe es gedauert, bis er den Westen verstanden habe.
Den endgültigen Bruch mit dem Kommunismus datiert er auf das Jahr 1983, ablesbar an Gedichten und Liedern aus dieser Zeit. Er brauchte so lange, um „im Herzen zu begreifen, was ich im Kopf schon selber wusste“. Im selben Jahr lernte er Pamela kennen, seine heutige Frau. Ob Zufall oder Notwendigkeit, lässt er offen. Mit dem Wort Heimat kann er wenig anfangen. Den Satz, die deutsche Sprache sei seine Heimat, hält er für ein „starkes Lügenwort“ schwacher Schriftsteller. Er versteht sich als deutsch-deutschen Dichter, der in beiden Teilen des Landes wirklich gelebt hat. Er gehöre deshalb „mehr zum Osten und mehr zum Westen. Beides mehr.“
Missmut als Folge der Feigheit
Für den Kinostart des Dokumentarfilms „Biermann“ wird gern das Wort Legende bemüht. Er weist es zurück: „Wer lebendig lebt wie ich, kann keine Legende sein.“ Auch die Superlative, mit denen man ihn als meistgeliebten und meistgehassten Künstler der Nachkriegszeit beschreibt, hält er für journalistische Kompensation. Wenn die Gedanken schwach seien, würden die Worte umso stärker. Lieber sagt er, er habe meistens die richtigen Freunde gehabt und meistens die richtigen Feinde.
Was ihn antreibt, beschreibt er ohne Pathos. Die Eitelkeit sei ein brauchbarer Stachel: Man wolle sich auf der Bühne nicht blamieren, die Freunde nicht enttäuschen und den Feinden keine Freude machen. Sie könne allerdings auch wie eine Schlaftablette wirken, wenn man nur noch von sich selbst entzückt sei. Den Zusammenhang zwischen Haltung und Laune hat er an sich selbst studiert. „Wenn ich faul und feige bin, werde ich immer missmutiger. Dann ist die Welt immer so schlecht.“ Wenn er sich dagegen einmische und ihm ein gutes Lied gelinge, gehe es ihm besser. Dabei sei das Nachfühlen mindestens so wichtig wie das Nachdenken.
Seinen Begriff von Deutschland hat er bei Brecht gelernt. Als Johannes R. Becher die Nationalhymne der DDR geschrieben hatte, spottete Brecht über deren Sonnenpathos und wollte selbst eine bessere schreiben. Er kam, so erzählt es Biermann mit sichtlichem Vergnügen, nur bis zu einer ersten Zeile, und die war bairisch: „Mir san a scheiß Volk.“ Biermann findet es großartig, dass Brecht diesen Satz hinschrieb, und noch großartiger, dass er ihn nicht weiterverfolgte. Stattdessen entstand die Kinderhymne, in der ein gutes Deutschland weder über noch unter anderen Völkern stehen soll. Darin sieht Biermann den Kontrapunkt zu Brechts eigener Verbitterung, und er hält den Gedanken für so aktuell wie selten.
Nach München kam Biermann zum ersten Mal 1943, an der Hand seiner Mutter. Genossen aus dem Untergrund hatten sie nach der Todesnachricht aus Auschwitz für zwei Wochen auf eine Alm geschickt. Auf dem Weg kamen die beiden am Hauptquartier der Gestapo vorbei, wo ein Plakat hing: „Die Juden sind Deutschlands Unglück.“ Unglück wünsche er dem Land nicht, sagt Biermann heute, er sei schließlich kein Masochist. Er wolle Deutschland nur nicht über andere Völker stellen und auch nicht darunter.
Als er jetzt für ein Gespräch in die Stadt zurückkehrte, ging es um diese Frage, die ihn seit der Bombennacht begleitet: Was nützt die Klage, und wann beginnt das Handeln? Einen Gedanken dazu kannte er noch nicht. Viele Menschen verbringen heute so viel Zeit mit Nachrichten und mit dem Gespräch darüber im kleinen Kreis, dass sie das schon für Engagement halten. Biermann stimmte sofort zu und fand dafür ein drastisches Bild. Das sei „wahrscheinlich das Krebsgeschwür der Nachrichtenflut, die uns auffrisst“. Aus viel weniger Informationen lasse sich offenbar viel mehr machen. Für einen Mann, der auf die Neunzig zugeht, ist das eine erstaunliche Bereitschaft, noch etwas Neues zu denken. Er wolle darüber in Ruhe nachdenken, kündigte er an. Allerdings erst, wenn der Besuch gegangen sei.