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Michi Schreiber
FOLGE20529. Oktober 2026 · 70 Minuten

Michi Schreiber über Affen, Amnesie und die 29. Minute

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Der Moment, in dem Michi Schreiber begriff, dass mit ihrer Welt etwas nicht stimmte, hatte mit Zahnbürsten zu tun. Im Badezimmerschrank standen zwei, und sie wusste nicht, welche ihr gehörte. Vor dem Fenster lag ein Garten mit Zaun, hohen Hecken und neuen Beeten. Umgestaltet hatte ihn sie selbst.

Am 2. Januar 2025 hielten Schreiber und ihr Mann Marc bei Jeffreys Bay in Südafrika auf einer Landstraße, um zu einem Nationalpark abzubiegen. Ein Wagen kam von hinten mit viel zu hoher Geschwindigkeit, wollte überholen, übersah im tiefen Licht der Sonne vermutlich den Gegenverkehr, scherte im letzten Moment ein und rammte ihr Auto von der Seite. Die Airbags lösten nicht aus, beide waren sofort bewusstlos. „Das Auto war so zusammengedrückt, dass auch die B-Säulen schon nicht mehr gehalten haben“, sagt Schreiber.

Ihre rechte Gesichtshälfte war gebrochen, schlimmer aber war die Schwellung ihres Gehirns. Sie erlitt eine globale Amnesie: Ein Teil ihrer Langzeiterinnerung war fort, ein Kurzzeitgedächtnis gab es vorerst nicht mehr. Wochenlang lebte sie in Schleifen von zehn, fünfzehn Minuten und fragte immer wieder, was passiert sei und ob es ihr in Südafrika gefalle. Erst nach sechs Wochen wusste sie eines Morgens, was am Vortag geschehen war. Für ihre Familie war das eine Erleichterung, für sie begann damit das Begreifen.

Ein Puzzle ohne Motiv

Schreiber glaubte, es sei 2022, vielleicht 2023. Es war 2025. Den Bruch bemerkte sie an Kleinigkeiten, anderen Gläsern, umgeräumtem Besteck, einer neuen Lampe. „Man macht ja so viele kleine Änderungen in der Wohnung, die man überhaupt nicht wahrnimmt“, sagt sie. Wer Jahre davon auf einmal vorfindet, erlebt die eigene Wohnung als fremden Ort. Sie verließ sie anfangs kaum.

Den Fernseher ließ sie aus, aus Angst vor Nachrichten, die sie noch nicht verarbeiten konnte. Dann las sie im Fitnessstudio auf dem Bildschirm über dem Laufband: US-Präsident Donald Trump. Ihr Mann erzählte vom Attentat, von den Neuwahlen in Deutschland, vom Krieg in Gaza. Freunde hatten Kinder bekommen, ein Paar, auf dessen Hochzeit sie gefühlt gestern noch gewesen war, hatte sich getrennt. Die neue Nachbarin hielt sie für die Postbotin.

Sie vergleicht diese Zeit mit einem Super-Mario-Level, in dem man ständig auf Anfang zurückgesetzt wird, bis man lernt, es durchzuspielen. Ein zweites Bild ist ernster: 20.000 Puzzleteile ohne Motiv. „Das ist fast unmöglich, wenn dir nicht jemand mal sagt, das gehört dahin, das dahin.“ Eine Frau, die sie in der Reha kennenlernte, zog nach ihrem Gedächtnisverlust weit weg und begann von vorn. Schreiber blieb, weil Menschen um sie waren, die sich für sie erinnern konnten.

Elefanten will jeder retten

Was auf dem Spiel stand, versteht man erst mit Blick auf ihren Weg. Mit 18 ging Schreiber als Freiwillige nach Südafrika und blieb an den Primaten hängen, die Fangen spielen, sich verstecken und einander am Schwanz ziehen. Weil es in Deutschland keinen Studiengang dafür gab, studierte sie Englisch und Philosophie auf Lehramt, mit Ferien für Südafrika. Am Ende des Bachelors fragte sie sich: „Was ist eigentlich, wenn ich mein Leben dauernd in Kompromissen lebe?“ Es folgten eine Fernausbildung und ein Master in Primatologie. Ihre Eltern hatten das für unmöglich gehalten. Unmöglich, sagt Schreiber heute, sei immer nur die Meinung der Person, mit der man gerade spricht.

Die Verhaltensforschung hielt sie nicht aus. 2021 starb in Kenia ein Jungtier der Gruppe, die sie beobachtete, und die Regel lautet, nicht einzugreifen. „Ich sitze da, ich heule, ich kriege einen Nervenzusammenbruch.“ Noch im selben Jahr gründete sie den Verein Affenstark, der zunächst Projekte zur Rettung und Auswilderung unterstützte. Daraus wuchs der Plan einer eigenen Auffangstation für Tiere aus dem illegalen Wildtierhandel, den sie für den zweitgrößten illegalen Markt nach dem Drogenhandel hält. Über Häfen wie Durban, Port Elizabeth und Kapstadt gehen Tiere nach Amerika und Europa, und was einmal außer Landes ist, kommt nicht zurück.

Bei der Naturschutzbehörde fragte sie zuerst, was vor Ort fehlt. „Wir brauchen nicht noch jemand, der Elefanten retten will. Elefanten will jeder retten.“ Gebraucht werde jemand für Landschildkröten, Stachelschweine, Erdmännchen und Primaten, für die Arten, derentwegen niemand auf Safari fährt und die deshalb oft eingeschläfert werden. Die Tierliste ist genehmigt, Marc hat sich zum Schlangenfänger ausbilden lassen. Über das Grundstück, 30 bis 60 Fußballfelder groß, entscheidet gerade ein Behördenleiter namens Jeff.

Wie lange ein Tier bleibt, hängt von seiner Geschichte ab. Eine Antilope mit gebrochenem Bein kann nach sechs Wochen frei sein, ein Pavianbaby vom Schwarzmarkt braucht vier bis fünf Jahre. Menschlichen Kontakt gibt es nur am Anfang, aber der kann intensiv sein. Schreibers letztes Flaschenkind Bodhi schlief nur an ihrem Ohrläppchen und hasste ihren Mann von Herzen. Als er nachts merkte, dass er sich an der falschen Nase festhielt, musste Marc aufs Sofa.

Die 29. Minute

Nach dem Unfall schien all das außer Reichweite. Solange Marc nach seinen eigenen Operationen zu Hause war, konnte sie ihn alles fragen. Seine Brüche lagen unterhalb des Halses, ihre darüber, und so ergänzten sie sich. Nur als Rummikub-Steine unter das Sofa fielen, durfte sie sich nicht bücken und er die Arme nicht benutzen. Die Steine lagen zwei Wochen dort. Als Marc wieder arbeiten ging, saß sie vor E-Mails von Menschen, die sie nicht kannte. Halt fand sie im Schreiben: In einem Jahr entstanden fünf Bücher, in denen ihre Figuren traurig waren, wenn sie selbst traurig war.

Den Tiefpunkt brachte die Reha. Im Reaktionstest schnitt sie schlechter ab als zwei Mitpatientinnen von 79 und 85, und die Ärzte hielten ihr bisheriges Leben für nicht mehr realistisch. Danach lag sie neben Marc auf dem Sofa, im Fernsehen spielte Borussia Dortmund, und er schimpfte wie immer, die verlieren sowieso, der Schiedsrichter ist unfair. Schreiber merkte, dass sie über ihr Leben dasselbe dachte. Es lief die 29. Minute. „Warum bin ich so pessimistisch? Es ist mein 29. von 90.“ Sie will 103 werden, die Nachspielzeit ist eingeplant. Dann promoviere sie eben mit 40.

Auch die Ehe musste lernen, mit zwei Gedächtnissen zu leben. Für Marc war der Tag, an dem ihr Kurzzeitgedächtnis zurückkam, der leichteste seit Wochen, für sie der schwerste. Einmal pro Woche interviewte sie ihn zu Vergessenem und ließ ihn ihre Notizen korrigieren. In der Reha half ihr seine Zuversicht nicht mehr: „Ich brauche gerade jemanden, der sich an diesen Tiefpunkt zu mir setzt und mit mir trauert.“ Wenn sie sich heute festfahren, stellt sich jeder auf ein Blatt Papier mit dem Namen des anderen, und ein Würfel entscheidet, wer zuerst gesehen werden darf.

Elf Monate nach dem Unfall flog sie zurück nach Südafrika. Die Unfallstelle war für sie eine Straße wie jede andere, erlebt hat sie den Unfall nie. Als Marc nach drei Wochen zurückmusste, blieb sie allein und lernte noch einmal surfen. Einmal überfiel sie weit draußen einer ihrer Kopfschmerzanfälle, sie kämpfte sich an Land und blieb mit dem Brett über dem Kopf im Sand sitzen. Heute promoviert sie wieder, langsamer als früher, mit Mittagsschlaf im Kalender. Bei der ersten Veranstaltung ihrer neuen Forschungsgruppe schlief sie in einer Vorlesung ein und versicherte dem Kollegen hinterher, es habe nicht an ihm gelegen.

Ihre letzten Tage in Deutschland hat Michi Schreiber in München verbracht, wo sie Daniel Fürg für seinen Podcast Gin And Talk von Affen, Amnesie und einem Rummikub-Stein unter dem Sofa erzählte. Die ganze Geschichte haben sie und ihr Mann Marc in ihrem Buch „Ich erinnere mich für dich“ aufgeschrieben. Am Montag fliegt sie zurück nach Südafrika, wo Frühling ist und Jeff hoffentlich ein Grundstück gefunden hat, das ihm gefällt.

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Über den Gast

Michi Schreiber

Michi Schreiber ist Primatologin, Influencerin und Autorin und setzt sich für den Schutz von Primaten und anderen Wildtieren im südlichen Afrika ein. Nach einem Lehramtsstudium in Englisch und Philosophie studierte sie Primatologie, gründete 2021 den Tierschutzverein Affenstark und baut heute nahe Jeffreys Bay in Südafrika eine Auffangstation für Tiere aus dem illegalen Wildtierhandel auf; daneben promoviert sie. 2026 erschien ihr gemeinsam mit ihrem Mann Marc geschriebenes Buch „Ich erinnere mich für dich“ über ihre Amnesie nach einem schweren Autounfall.