Der Mann im Krankenbett atmete ein und dann nicht mehr aus. So hat Jan Weiler es in Erinnerung, fast vier Jahrzehnte später. 1988 leistete er Zivildienst am linken Niederrhein, im mobilen Hilfsdienst, und an jenem Tag saß er stundenlang am Bett eines alten Mannes, dessen Frau im selben Krankenhaus zur Dialyse musste und deshalb nicht bei ihm sein konnte. Der Zivi vertrat sie. Dass er einem Menschen beim Sterben zusah, begriff er erst, als es vorbei war. „Wahrscheinlich hat er schon ausgeatmet, aber ich habe es nicht gehört oder gesehen.“ Am Abend ging er mit seiner damaligen Freundin ins Kino, es lief „Falsches Spiel mit Roger Rabbit“, und er saß im Dunkeln und dachte nur an diesen einen Atemzug, der nicht mehr herauskam.
Die Szene findet sich in Weilers neuem Roman „Das Vogelhaus“, und wer den Autor vor allem als Erfinder des italienischen Schwiegervaters aus „Maria, ihm schmeckt’s nicht!“ kennt oder als Chronisten pubertierender Kinder, wird sich über den Ton wundern. Leonard, der Held, hat seine Stelle am Theater verloren, als ihn ein Brief seiner Mutter erreicht, korrekt adressiert wie ein Behördenschreiben. Das Haus, in dem er einst den größten Teil seines Zivildienstes verbracht hat, steht zum Verkauf. Leonard fährt hin, zurück in die Gegend seiner Jugend und in die Frage, was diese Monate damals aus ihm gemacht haben. Weiler hat das bewusst leise erzählt. „Jedes Buch braucht einen bestimmten Ton“, sagt er. „Krachlustig hätte das nicht funktioniert.“ Den Ton lege man auf den ersten Seiten fest, „und dann kann man davon auch nicht mehr weg“.
Salbe, Wachstischdecken, Tablettendöschen
Was der Zivildienst für ihn bedeutete, beschreibt Weiler als Überforderung, die ihn bis heute nährt. Junge Männer ohne Ausbildung und ohne Lebenserfahrung wurden in Haushalte geschickt, in denen jemand nicht mehr selbst putzen, kochen oder einkaufen konnte. Manche Wohnungen waren so arm, dass das Nötigste fehlte. Aus diesen Besuchen stammt ein ganzes Arsenal an Beobachtungen, das in Weilers Büchern immer wiederkehrt: die winzigen Küchen, in denen es nach Salbe riecht, die Wachstischdecken, weil man sie so gut abwischen kann, die Tablettendöschen mit den Fächern für morgens, mittags, abends. „Man kann so ein ganzes Leben in so einer Wohnung ablesen.“ Die letzte Einrichtungsentscheidung liegt oft zwanzig Jahre zurück, die Badrenovierung datiert eine Epoche.
Er erzählt von einem alten Herrn, dem er jeden Morgen die Krawatte band, weil dessen Finger es nicht mehr schafften und er auf Oberhemd und Pullunder nicht verzichten wollte. Von einer dementen Frau, die ihn bei jedem Besuch mit „Hermann, da bist du ja“ begrüßte und eine Minute später vergessen hatte, dass er nicht Hermann war. Und von einer Frage, die 1988 noch in vielen dieser Wohnungen im Raum stand. Wer damals über achtzig war, war bei Kriegsende ein erwachsener Mann gewesen. „Der Typ, dem du jetzt gerade das Essen warm machst, war ein Nazi. Du musst aber trotzdem was zu essen kriegen.“
Hier setzt eine zweite Schicht des Romans an. Warum ist Leonard so ein ängstlicher Mensch, warum schon sein Vater, und was hat eigentlich der Großvater im Krieg getan? Ein Molekularbiologe, den Leonard betreut, erklärt ihm die Epigenetik, also die Möglichkeit, dass Traumata nicht die Gene selbst, wohl aber deren Schalter verändern und so über Generationen weitergereicht werden, bei Opfern wie bei Tätern. Weiler hat diese Passage im Lektorat stark gekürzt, auf etwa eine Seite. „Der Roman ist nicht der Ort, wo wir Leserinnen und Leser erziehen wollen“, sagt er. Wer weiterdenken möchte, solle weiterlesen.
Dass Angst im Buch konkret werden muss, hat für Weiler mit einer Begegnung aus seiner Zeit als Journalist zu tun. Er besuchte Tomi Ungerer im Elsass, dessen Kinderbücher er geliebt und zugleich gefürchtet hatte, „Zeraldas Riese“, „Der Mondmann“, all die Menschenfresser und Ungeheuer. Auf die Frage, warum seine Bücher so finster seien, blitzte Ungerer ihn an: „Kinder müssen traumatisiert werden.“ Gemeint war die Erleichterung, die nur empfindet, wer zuvor Angst hatte, der Moment, in dem man zum ersten Mal die Kellertreppe hinuntergeht und feststellt, dass dort keine drei Meter große Spinne wohnt. Diesen Gedanken hat Weiler beim Schreiben im Kopf behalten. Eine bloße Behauptung, die Figur habe Angst, sei für einen Roman „verhältnismäßig lame“.
Zwölf Monate, nicht zu Hause
Aus der eigenen Erfahrung hat Weiler eine politische Vorstellung entwickelt, und er trägt sie mit erstaunlicher Detailfreude vor. Eine allgemeine Dienstpflicht von zwölf Monaten, für alle. Wählen könne man frei, Umweltschutz, Pflege, soziale Einrichtungen, Bundeswehr. Er wolle die Dienste nicht gegeneinander ausspielen. Entscheidend sei etwas anderes: Niemand dürfe den Dienst dort leisten, wo er herkommt. Man müsse nach Oldenburg, nach Krefeld oder nach Jena und dort mit anderen Dienstpflichtigen zusammenwohnen. „Dann hast du irgendwo, sagen wir mal in Kassel, so eine Wohngemeinschaft. Da ist einer aus Erfurt, da ist einer aus Hamburg, da ist einer aus Wiesbaden und einer aus Garmisch.“ Was ein Jahr unter einem Dach mit Menschen aus einer völlig anderen sozialen Ecke bewirke, könne man sich ausmalen.
Den naheliegenden Einwand kennt er aus der eigenen Familie. Sein Sohn argumentiere, der Staat tue für ihn nichts, man hinterlasse seiner Generation die Klimakrise, die Bildungsmisere, die Unwägbarkeiten der KI, und zugleich heiße es von älteren Politikern, die Jungen seien faul. Weiler hält den Gedanken für berechtigt. Seine Antwort ist ein Tausch. Wer seinen Dienst geleistet hat, solle später ein zinsloses Darlehen bekommen, um eine Firma zu gründen oder sich selbstständig zu machen. Bezahlen könnten das jene, die in den Jahrzehnten zuvor ohne größere Gegenleistung profitiert haben, über eine Vermögensteuer. „All das fehlt in unserer Gesellschaft total“, sagt er, eine Art Kitt, ein gesellschaftlicher Vertrag, der nicht nur von den Jungen eingelöst wird.
Härte schließt das für ihn nicht aus. Ob man junge Menschen vor solchen Erfahrungen schützen müsse? „Ich bin Team, da müssen die durch.“ Er sei für alles, was Resilienz gegen das Schwere aufbaue. Vorwürfe an die Jüngeren lässt er dabei nicht gelten. Wer mit zwölf Spielkonsolen und Smartphone hatte, habe sie eben benutzt, und wer heute von seiner Kindheit mit drei Fernsehprogrammen und aufgeschürften Knien schwärme, habe schlicht keine Wahl gehabt. Das eigentliche Problem sieht er woanders: Man könne heute in der eigenen Blase vollkommen gut zurechtkommen, ohne je einem alten, armen oder kranken Menschen zu begegnen, außer als Kachel bei TikTok.
Bedürfnisse statt Aufträge
Für „Das Vogelhaus“ hat Weiler seine Arbeitsweise geändert. Bisher dachte er sich jede Geschichte vollständig aus, bevor er den ersten Satz schrieb. Diesmal, mit zwei Zeitebenen und einem größeren Personal, arbeitete er erstmals mit Zetteln an der Wand, eine Methode, die er lange für prätentiös gehalten hatte. Er brauchte sie, um zu steuern, was die Leser wann erfahren, und um die komischen Passagen richtig zu setzen, die das Buch immer wieder aus der Schwermut heben.
Diese Arbeit an Gliederung und Struktur möchte er keiner Maschine überlassen. Für die Recherche nutze er KI wie jeder andere auch, im Schreiben selbst habe sie nichts verloren. „Wir sind Übersetzer und Geschichtenerzähler“, sagt er, Übersetzer von dem, was im Kopf und in der Seele passiert, aufs Papier und zum Publikum. Ein Text aus dem Algorithmus, der als eigener verkauft werde, sei Betrug am Leser. Gegen KI in der medizinischen Diagnostik oder in der Verwaltung habe er nichts, ebenso wenig gegen jemanden, der sich beim Bewerbungsschreiben helfen lässt. Wo es um Kunst geht, verlangt er Kennzeichnung und einen niedrigen Preis.
Sein Argument ist eines über Absichten. „Algorithmen haben keine Bedürfnisse, und die haben auch keine Wünsche, die haben Aufträge.“ Wenn er jemandem einen Witz erzähle, wolle er ihn zum Lachen bringen, weil er das gern sehe. Eine Maschine könne man anweisen, Rührung zu erzeugen, und sie werde es vielleicht sogar gut machen, aber aus dem falschen Grund. Wem das gleichgültig sei, der möge sich mit Analogkäse auf der Tiefkühlpizza begnügen. „Wenn die Leute Scheiße wollen, dann kriegen sie die halt. Das macht aber die geistige Leistung nur noch wertvoller.“
Wie das aussieht, hat er an Schulklassen beobachtet, die seinen Roman „Der Markisenmann“ als Pflichtlektüre lesen und im Unterricht zum Spaß eine Kolumne „im Stil von Jan Weiler“ über das Rauchen auf dem Pausenhof erzeugen lassen. Die Programme erkennen durchaus, dass er gern mit Ellipsen arbeitet, und ahmen das nach. Das Ergebnis nennt Weiler „unglaubliches Holz“. Sein nächstes Buch, verrät er, wird wieder komisch. Die Geschichte verlange das.
Jan Weiler war zum vierten Mal zu Gast bei Gin And Talk und hält damit den Rekord des Formats. In Episode 204 spricht er mit Daniel Fürg über seinen Roman „Das Vogelhaus“, über prägende Momente seines Zivildienstes, über eine Dienstpflicht als gesellschaftlichen Vertrag und darüber, warum er beim Schreiben auf künstliche Intelligenz verzichtet.