Mehr als etwa sieben Informationseinheiten pro Zeiteinheit, sagt der Psychiater und Psychotherapeut Dr. Pablo Hagemeyer, könne das menschliche Gehirn nicht verarbeiten. Was darüber hinausgeht, stresst – und eine Gesellschaft im Daueralarm diskutiert nicht mehr, sie verteidigt sich. Hagemeyer, der gerade mit „Der Patient, der mit der Stille sprach" Fallgeschichten aus dem Behandlungszimmer vorgelegt hat, nennt den Zustand Entpriorisierung: „Das Denken wird entpriorisiert. Es wird breit und dünn ausgestrichen und alles ist gleich wichtig." Wo Orientierung fehlt, entstehen Märkte – links eine „Betroffenheitsökonomie" der reflexhaften Empörung, rechts eine „Verachtungsökonomie", die Demokratie und Geschichte verächtlich macht, dafür aber klare Strukturen bietet: „Endlich weiß jemand, wie es geht." Im vieldiskutierten Höcke-Interview erkennt Hagemeyer – ausdrücklich keine Diagnose, sondern die Beobachtung „subklinischer" Züge – emotionale Kälte, flache Affekte und eine schmale Spur hinter der rhetorischen Fassade.
Brisant wird die Zeitdiagnose durch ihre gesundheitspolitische Pointe: Ausgerechnet jetzt, da Entstigmatisierung greift und die Fallzahlen steigen, plant die Politik Einschnitte in die psychotherapeutische Versorgung. Hagemeyer spricht von den „feuchten Träumen eines CEOs" – und rechnet nüchtern vor: Fällt der Schutz der extrabudgetären Vergütung, verschwinden Kurzzeitinterventionen ersatzlos, und der Satz von 103 Euro für fünfzig Minuten könnte auf ein Niveau sinken, von dem niemand mehr leben kann. Im schlechtesten Szenario verliert das System ein Viertel seiner Leistungskraft, während die prekär organisierte Ausbildung den Nachwuchs abschreckt. Psychotherapie auf gutem Niveau gäbe es dann noch in den Speckgürteln von München, Hamburg und Frankfurt – der Rest bliebe mit Etiketten allein, von denen Hagemeyer ohnehin wenig hält: „Eine Diagnose gibt es nur für die Krankenkasse."
Seine Antwort darauf ist überraschend unzynisch: nicht das Niedergangsnarrativ bedienen, das die Ränder dankbar aufgreifen, sondern umfokussieren – auf die „selbstbehauptende Seite, die Nein sagen kann", zu den Verführern wie zum eigenen Erschöpfungsfatalismus. AfD-Wähler seien keine Protestwähler, sondern Überzeugte, denen jemand ein Märchen von Gemeinschaft und Hoffnung erzähle: „Ihr seid alle mit Alice im Zauberland."
Dr. Pablo Hagemeyer ist Psychiater und Psychotherapeut und praktiziert in Oberbayern. Neben seiner therapeutischen Arbeit begleitet er als Coach auch Menschen im Berufsleben. Einem breiten Publikum wurde er als Bestsellerautor bekannt – unter anderem mit seinen Büchern über Narzissmus, darunter „Gestatten, ich bin ein Arschloch". In seinem aktuellen Buch „Der Patient, der mit der Stille sprach" erlaubt er in kurzen Fallgeschichten einen Blick hinter die Kulissen seines Berufs und erzählt von den Abgründen, Rätseln und Wendungen aus dem Behandlungszimmer.