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Jens Corssen
FOLGE19520. August 2026 · 92 Minuten

Jens Corssen über das Gehirn, die Liebe und den Frieden

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Jens Corssen hat ein Buch über das Lieben geschrieben. Seine Frau hat es nicht gelesen. Als er sie darauf ansprach, antwortete sie, ihr sei das ein bisschen peinlich – sie brauche das nicht. Corssen, seit rund fünfzig Jahren mit ihr verheiratet und einer der bekanntesten Coaches und Verhaltenstherapeuten Deutschlands, hätte beleidigt sein können. Stattdessen gab er ihr recht. „Wenn ich wirklich Liebe in mir habe, dann könnte ich darüber nicht schreiben", sagt er. „Der Ozean kann auch nicht über sich schreiben." Wer sich nach etwas sehnt und es nicht kann, der kann es gut beschreiben. Ein Eingeständnis, das man von einem Bestsellerautor der Ratgeberliteratur selten hört – und das den Kern eines Problems trifft, das weit über eine Ehe in München hinausreicht.

Denn wir alle beschreiben inzwischen ziemlich gut, was wir nicht können. Noch nie war so viel Wissen über Achtsamkeit, Kommunikation und Beziehungen im Umlauf, und noch nie schien es so wenig zu bewirken. Der Grund liegt für den Verhaltenstherapeuten Corssen in einer schlichten Asymmetrie: Unsere Erkenntnisse sind ein paar Jahrhunderte alt, unser Gehirn ist hunderttausende Jahre alt. Es kennt drei Antworten auf Bedrohung – kämpfen, fliehen, erstarren – und im Stress greift es darauf zurück, ganz gleich, wie viele Seminare wir besucht haben. „Wenn das Gehirn mich Gassi führt", sagt Corssen, „dann ist all das, was wir wissen über Platon und Buddha, Schopenhauer und Nietzsche, weg." Übrig bleibt der Kampfmodus, und der prägt heute nicht nur Kommentarspalten und Talkshows, sondern auch Küchentische.

Das Gehirn urteilt schneller, als die Ethik hinterherkommt

Corssen führt das gern an sich selbst vor, mit einer Offenheit, die verblüfft. Er erzählt, wie er an einem Bettler vorbeigeht und sein Kopf sofort Verdacht produziert: zu jung, zu wohlgenährt, vermutlich Bettelmafia. „Mein Gehirn ist rassistisch", sagt er, „aber das hat nichts mit meiner Ethik zu tun." Die Ethik kommt erst zehn Meter später, wenn er den automatischen Kommentator in sich bemerkt – er nennt ihn den „Quatschi" – und umkehrt, den Mann grüßt und ihm Geld gibt. Dasselbe Muster beim umgekippten E-Roller auf dem Bürgersteig: erst die Empörung über die verrohten Zeiten, dann das Aufwachen, dann hebt er das Ding eben selbst auf. Was danach bleibt, beschreibt er als friedliche Stimmung. Und er zieht daraus einen Satz, der in seiner Wucht fast anmaßend klingt: „Ich fühle mich verantwortlich für alle Kriege dieser Welt. Solange ich es nicht schaffe, in Liebe zu sein – wie soll denn da der Krieg verschwinden?"

Was hier durchscheint, ist eine Umkehrung des üblichen Selbstoptimierungsversprechens. Es genügt nicht, mehr zu wissen; das Wissen ist sogar Teil des Problems, weil es die Erwartungen hochtreibt. Wer gelernt hat, wie Beziehungen sein sollten, leidet umso mehr an der eigenen. Buddha führte das menschliche Leid auf permanentes Beurteilen und Vergleichen zurück, und selten ließ sich diese Diagnose so gut überprüfen wie in einer Gegenwart, in der eine ganze Generation per Wischbewegung Menschen sortiert. Corssen sieht in den Dating-Apps folgerichtig keinen Ort der Liebe, sondern deren Karikatur: Das Gehirn rechnet in Sekunden hoch, mit wem sich gut überleben ließe, und nennt das Ergebnis Verliebtheit.

Ich brauche dich nicht – und liebe dich trotzdem

Die eigentliche Liebe beginnt für ihn erst dahinter. In Anlehnung an den Bewusstseinslehrer Gurdjieff unterscheidet er Stufen: Auf der untersten bedeutet „Ich liebe dich" in Wahrheit „Ich brauche dich". Eine Stufe höher steht der Satz, den er seiner Frau sagt und der sie gelegentlich kränkt: Ich brauche dich nicht – aber ich liebe dich. Seine Begründung hat eine kühle Eleganz: Wer gebraucht wird, bleibt ersetzbar, denn irgendwann bedient jemand anderes die Bedürfnisse besser. Wer geliebt wird, ohne gebraucht zu werden, ist sicher. Das meiste Beziehungsleid entsteht für Corssen ohnehin aus einem einzigen Buchstaben, dem M in „meine Frau": Mit dem Besitzanspruch kommen das Bildnis, der Vergleich und der Ärger darüber, dass der andere dem Bild nicht entspricht. Nach Wochen der Meditation, erzählt er, habe er einmal die Wohnungstür geöffnet und für einen Moment schlicht einen Menschen gesehen statt seiner Frau – einen eigenen Kosmos. Seitdem fahre man auch mal getrennt in den Urlaub, sie nach Hydra, er nach Rügen, und manche Freundin frage dann besorgt, ob man sich getrennt habe. Hat man nicht. Man mehrt nur, so nennt Corssen das Prinzip seiner Ehe, die Freude des anderen.

Am Ende läuft alles auf eine Haltung hinaus, für die Corssen ein eigenes Wort erfunden hat: Infriedenheit. Zufriedenheit strebe noch auf ein Ziel zu, Infriedenheit sei das Einverständnis mit dem Leben samt seiner Endlichkeit, Goethes „Stirb und werde". Wer das erreicht, muss nicht mehr über die Liebe lesen. Er kann sie sich leisten.

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Über den Gast

Jens Corssen

Jens Corssen, geboren 1942, ist Diplompsychologe, Verhaltenstherapeut und einer der bekanntesten Coaches Deutschlands. Mit seinem Konzept des Selbst-Entwicklers® berät er seit über fünfzig Jahren Führungskräfte und Spitzensportler; zuletzt erschien von ihm unter anderem das Buch „Lieben".