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Stella Grammling
FOLGE2065. November 2026 · 44 Minuten

Stella Grammling über Irrtümer, Mythen und die Bibel

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Irgendwann kommen die Namen. Rimuš, Maništušu, Naram-Sin, die Könige des Akkadischen Reiches, und spätestens beim fünften, sagt Stella Grammling, „wird es in einem normalen Gehirn durcheinander“. Sie selbst ist mit diesen Namen so vertraut wie andere mit den Spielern ihres Fußballvereins. Wer aber in neunzig Sekunden ein Stück Bronzezeit erklären will, muss sich bei jedem Herrscher fragen, ob das Publikum ihn noch verkraftet. Grammling streicht dann, notiert sich das Gestrichene und macht daraus das nächste Video. Manchmal schreiben ihr Leute trotzdem, das sei jetzt etwas viel gewesen. Dann dampft sie beim nächsten Mal weiter ein.

Dieses Abwägen zwischen Vollständigkeit und Verständlichkeit ist ihr Handwerk geworden. Auf Instagram erklärt Grammling unter dem Namen @schleichbildung alte Sprachen, Archäologie und Mythologie, und ihr Publikum reicht von Neuntklässlern bis zu Rentnern, die ihr schreiben, so etwas hätten sie gern früher gehört. Angefangen hat es mit einem Zehn-Sekunden-Video über den Unterschied zwischen Arktis und Antarktis: Bär und kein Bär, nach dem griechischen arktos. Gedacht war es für ihre Schüler, die ihren alten Business-Account entdeckt hatten. Grammling löschte ihn kurzerhand und beschloss, ihnen „ein bisschen Archäologie unterzujubeln“, weil die an deutschen Schulen schlicht nicht vorkommt.

Nun hat sie ein Buch geschrieben, Die größten Irrtümer der Weltgeschichte, und man könnte fragen, wozu. Im Jahr 2026 lässt sich jede Jahreszahl in Sekunden nachschlagen. Grammling wundert sich selbst manchmal darüber, dass sich Irrtümer trotzdem so hartnäckig halten. Ihre Erklärung hat wenig mit fehlendem Zugang zu Wissen zu tun. „Unser Problem ist, dass wir von Geschichte verlangen, Narrative zu bedienen“, sagt sie. „Geschichte ist nie eindeutig. Wir aber verlangen Eindeutigkeit.“

Die Sehnsucht nach der einfachen Erzählung

Ihr Beispiel ist Enheduanna, Hohepriesterin und Dichterin im Mesopotamien des 23. Jahrhunderts vor Christus, die in den sozialen Medien gerade eine erstaunliche Konjunktur erlebt. Die Posts folgen meist demselben Muster: eine Frau, die man mir verschwiegen hat, also Patriarchat. Grammling hält diese Lesart für gefährlich, weil sie den eigentlich spannenden Kontext verschluckt. Enheduanna war die Tochter Sargons von Akkad, des ersten Großreichsgründers der Geschichte, und ihre Rolle ist ohne die familiären und politischen Konstruktionen dieses Reiches kaum zu verstehen. Bleibt davon nur die Pointe übrig, entsteht eine falsche Vorstellung. Und Geschichte wird für persönliche Bedürfnisse vereinnahmt.

Noch deutlicher zeigt sich das bei den Wikingerinnen. Kaum ein Thema, sagt Grammling, bringe ihr so viele Anfragen ein wie die sogenannten Schildmaidengräber, und kaum eines meide sie so sehr, weil sie weiß, was folgt. Dabei will sie nur auseinanderhalten, was zusammengeworfen wird: die Fantasien eines mittelalterlichen Mönchs, die sich schön lesen, die tatsächlichen Grabungsbefunde und schließlich die Fernsehserien, die sie selbst gern schaut. Man könne diese Ebenen miteinander in Beziehung setzen, „aber keinesfalls gleichsetzen“. Als sie einmal über die Sagenstränge hinter Lagertha und Aslaug sprach, schlug ihr eine Wut entgegen, die sich ausschließlich aus der Serie speiste. Aslaug sei hässlich, schrieben die Leute. Grammling konnte nur antworten, dass die Sagen darüber wenig sagen und die Frau dort ganz in Ordnung zu sein scheint.

Die Plattformen, auf denen sie arbeitet, verschärfen das Problem. Sie lebten davon, „extreme Emotionen hervorzurufen und Feindbilder zu erschaffen“. Ein Video über den angeblich schlimmsten Papst der Welt wurde ihr hundertfach zugeschickt. Die Quelle darin war sogar korrekt zitiert, nur sagte niemand dazu, dass es sich um eine Polemik handelte. „Ich kann über jeden Menschen Polemik verfassen. Das macht sie nicht realer.“ Wer schreibt was, für wen, aus welchem Motiv, und gibt es eine Gegendarstellung? Das sind die Fragen, die Grammling stellt, und sie stellt sie auch bei KI-generierten Zeitreisevideos, die vergangene Epochen in filmreife Ästhetik tauchen. Gut sei, wenn sie Neugier wecken. Ein Dracula-Clip aber, der eine Gegend zeigte, die sie aus Kindheitstagen kennt, hatte mit dem echten Ort nichts zu tun.

Dass sie überhaupt so denkt, verdankt sich einer Biografie aus lauter Impulsen. Grammling, in Moldau geboren, studierte zunächst Finanzwirtschaft, dann Theologie, aus dem Wunsch heraus, sich eine klassische Bildung anzueignen. Das Graecum nahm sie in drei Monaten, danach Hebräisch bis hin zum Talmudischen an der Hochschule für Jüdische Studien in Heidelberg. Als ein Dozent bemerkte, ein anständiger Theologe werde man nur als Assyriologe, schrieb sie sich noch am selben Tag ein. Lehrerin wurde sie, weil ihre Schule sie in der Corona-Zeit versehentlich einstellte, ohne die nötige Qualifikation. Um bleiben zu dürfen, studierte sie nachts Religionspädagogik. Die Liebe zur Bronzezeit ist älter als all das: Sie geht zurück auf ein winziges Zimmer, in dem die ganze Familie lebte, und auf einen Vater, der beim Suppekochen von den Sumerern erzählte.

Die Bibel als vorderorientalisches Buch

Geschichte darf Grammling nicht unterrichten, nur Religion, was sie als „großen Schmerz“ bezeichnet. Ihr Zugang zur Bibel ist allerdings einer, der in mancher Gemeinde für Unruhe sorgen dürfte. „Die Bibel ist erst einmal nur ein vorderorientalisches Buch“, sagt sie, so wie das babylonische Schöpfungsepos Enūma eliš oder die Klagedichtung Ludlul bēl nēmeqi. Wer die Königebücher neben die Inschriften Nebukadnezars legt, findet zwei Perspektiven auf dieselben Ereignisse. Was jemand daraus für seinen Glauben macht, gehe sie als Lehrerin nichts an. Dass sie im Abschluss ausgerechnet in praktischer Theologie durchfiel, bei Bestnoten in allen anderen Fächern, erzählt sie mit hörbarem Vergnügen.

Wie viel diese nüchterne Lektüre bewirken kann, zeigt eine Szene aus dem Distanzunterricht. Grammling kannte ihre Schüler nur als schwarze Kacheln, als es aus einer Schülerin plötzlich herausbrach: Die Bibel sei gegen Homosexualität. Grammling merkte, dass hier keine theologische These verhandelt wurde, sondern persönliche Betroffenheit, und vertagte das Gespräch, bevor die Schülerin vor der Klasse etwas preisgab, das sie nicht zurücknehmen konnte. Danach lasen sie gemeinsam die Texte, mit den mittelassyrischen Gesetzen als Vergleich. Das Ergebnis: Homosexualität als Konzept existierte damals nicht, die Bibel hat dazu schlicht keine Haltung. Verurteilt wird Gewalt gegen Menschen. „Da sind wir uns, glaube ich, alle einig, egal woran wir glauben oder ob wir überhaupt glauben.“

Grammling trennt Religion und Glauben streng. Glaube sei, was einen im besten Fall durchs Leben trägt. Wenn er aggressiv macht oder Menschen voneinander abgrenzt, müsse man über seine Grundlagen reden. Die Beschäftigung mit Religion dagegen, mit den Texten selbst und am besten in der Originalsprache, würde „viele Köpfe entspannen“ und vor Fanatismus schützen, dem religiösen wie dem atheistischen. Als Kind mehrerer Sprachen weiß sie, wie leicht schon zwischen Russisch und Deutsch etwas schief ankommt. Kommen zwei- oder dreitausend Jahre Abstand hinzu, wird die Vorstellung, man könne diese Texte einfach so lesen, „illusionär“.

Gemeinsam am Tisch

Dasselbe Argument richtet Grammling auf die künstliche Intelligenz. Sie schätzt die Werkzeuge, weil sie ihr die Mühen ersparen, die ihre eigenen Abschlussarbeiten noch begleiteten: Aufsätze aus fremden Städten bestellen, jeden einzelnen vollständig lesen. Einzelfakten lassen sich bequem recherchieren, auch wenn ein Buchzitat, das ihr eine KI kürzlich lieferte, im Buch nicht stand. Die eigentliche Gefahr sieht sie anderswo. Bei Abschlussklassen höre sie manchmal, wie der Redefluss ins Stocken gerät, weil Begriffe vorgetragen werden, die nicht begriffen sind. Die Maschine suggeriere ein Verständnis, das man nicht hat. Den Kontext müsse man weiterhin selbst herstellen.

Deshalb hält sie auch nichts von der Idee, Fremdsprachen an Schulen seien überflüssig geworden. Mit einer Sprache verliere man die Denkweise dahinter, und mit ihr die kulturellen Codes, die im Umgang miteinander zählen. Wenn ihr jemand erzählt, eine Person sei unhöflich gewesen, fragt sie nach der Muttersprache dieser Person. Oft stellt sich heraus, dass nur wörtlich übersetzt wurde.

Am Ende landet die Theologin, die sich durch einen ganzen Schrank theologischer Ethiken gearbeitet hat, bei einer erstaunlich schlichten Formel. Sie stammt aus dem Konvivenzmodell, das ursprünglich für Kindergärten entwickelt wurde, in denen Kinder aller Religionen und Weltanschauungen zusammenkommen. Ihre Abiturienten müssen es lernen, nachdem sie ihnen gesagt hat, sie sollten alles bisher Gelernte für einen Moment vergessen. Der Kern: miteinander essen können, miteinander reden können, einander helfen. Dass schon das Essen heikel ist, weiß jeder, der einmal mit Veganern, Pescetariern und überzeugten Fleischessern an einem Tisch saß, ganz ohne Kaschrut. „Ich teile deine Welt vielleicht überhaupt nicht, aber ich möchte an ihr teilhaben“, so beschreibt sie die Haltung, auf die sich alle Ethiken eindampfen ließen. „Dann wäre die Welt, glaube ich, schon gerettet.“

Die alte Geschichte bleibt dabei ihr bevorzugtes Terrain, gerade weil sie sich nüchtern betrachten lässt. Neuere Geschichte meidet Grammling, sie sei zu frisch und man selbst zu betroffen. In der Bronzezeit dagegen gibt es Stein und Skelett, und mit etwas Glück auch Schrift. Wer verstehen will, wie Irrtümer entstehen, findet dort einen Ort, an dem die Emotionen eigentlich schweigen müssten. Dass sie es online trotzdem nicht tun, ist vielleicht die interessanteste Pointe ihrer Arbeit.

Das vollständige Gespräch mit Stella Grammling über Geschichte, Irrtümer und Glauben ist in der aktuellen Episode des Podcasts „Gin And Talk“ zu hören. Ihr Buch „Die größten Irrtümer der Weltgeschichte“ ist gerade erschienen.

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Über den Gast

Stella Grammling

Stella Grammling ist Religionslehrerin, Theologin und Assyriologin und wurde in Moldau geboren; bekannt ist sie vor allem als @schleichbildung, unter dem sie auf Instagram Archäologie, alte Sprachen und Mythologie für ein breites Publikum erklärt. Nach einem Studium der Finanzwirtschaft studierte sie Theologie in Heidelberg, wechselte anschließend in die Assyriologie und Vorderasiatische Archäologie und qualifizierte sich später zusätzlich in Religionspädagogik; heute unterrichtet sie Religion und finanzierte ihre Studienjahre zuvor als Rednerin. 2026 erschien ihr Buch „Die größten Irrtümer der Weltgeschichte“.