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Hannes Ringlstetter
FOLGE20315. Oktober 2026 · 87 Minuten

Hannes Ringlstetter über Freiheit, Zweifel und die Kraft der Musik

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Ein Album aufzunehmen ist im Jahr 2026 eine merkwürdige Investition. Das Studio kostet Geld, die Musiker wollen bezahlt werden, und am Ende steht ein Produkt, von dem jeder in der Branche weiß, dass es sich kaum noch verkaufen lässt. Hannes Ringlstetter, Musiker, Kabarettist und lange Jahre Gastgeber einer eigenen Late-Night-Show im Bayerischen Rundfunk, macht sich darüber keine Illusionen. „Musik ist per se quasi kein Geschäftsmodell mehr”, sagt er. Wirtschaftlich betrachtet sei ein Album heute ein Marketinginstrument, künstlerisch betrachtet Selbstausdruck. Dazwischen bleibe wenig.

Das habe ihn zunächst gestresst, erzählt er. Dann kam eine Wendung, mit der er selbst nicht gerechnet hatte. Wenn ohnehin nichts zu gewinnen sei, falle auch der Druck weg, es irgendwem recht zu machen. Keine Single, auf die alles zugeschnitten werden muss, keine Radiolänge. „Man kann auch wieder Lieder mit sieben Minuten aufnehmen.” Ringlstetter nennt das ein Stück zurückgewonnene Freiheit und schiebt gleich hinterher, dass man sie sich leisten können muss. Junge Bands, vermutet er, werden das Album als Form kaum noch kennen. Sie veröffentlichen einen Song, drehen ein Video dazu, schauen, wie er läuft, und nehmen den nächsten auf, sobald wieder Geld da ist. Er selbst fühle sich deshalb ein wenig wie aus einer anderen Zeit, mit großer Lust, für jene Menschen zu produzieren, die sich auf ein ganzes Album noch einlassen wollen.

Hören, nicht nebenbei

Seine Plattenfirma hat sich dafür etwas Altmodisches ausgedacht: Listening Sessions. Fans und Journalisten setzen sich zusammen und hören das neue Album von vorne bis hinten, auf Vinyl. Ringlstetter erzählt von einem Abendessen bei einem Freund, der ausschließlich Schallplatten auflegt und alle zwanzig Minuten aufsteht, um sie umzudrehen, eine Art musikalische Weinbegleitung. Schon dieses Aufstehen veränderte den Abend, plötzlich sprachen alle über die Musik, die gerade lief. Auf der Heimfahrt fragte er sich, ob sich da eine Rückkehr ankündigt oder ob es bloß Nostalgie ist. Eine Antwort hat er nicht, wohl aber eine Beobachtung: Das Gespräch kommt in letzter Zeit auffallend oft auf dieses Thema, als wären viele mit ihrer eigenen Art, Musik zu konsumieren, nicht glücklich. Mit den KI-generierten Songs, glaubt er, sei noch ein Unbehagen hinzugekommen, die Sorge, am Ende auf etwas hereinzufallen, das sich falsch anfühlt.

Die CD dagegen hält er für erledigt. Am Merchandise-Stand seiner letzten Tour kauften sie vor allem Menschen, die eigentlich mit einer Freundin hatten kommen wollen und ihr nun etwas mitbrachten, ein Geschenkartikel, bei dem niemand fragt, ob er je abgespielt wird. Was die Schallplatte von der Playlist unterscheidet, bringt Ringlstetter auf einen schlichten Nenner: „Es ist halt hören. Es ist halt nicht nebenbei.” Für die Seele sei das wichtig, so wie bewusstes Lesen oder ein Film, den man wirklich anschaut. „Ich glaube, dass wir uns mit den Vereinfachungstechnologien viel geschenkt und gleichzeitig auch was genommen haben.”

Zum Kulturpessimisten macht ihn das trotzdem nicht. Radio hört er nicht mehr, weil er die Hits der Achtziger und Neunziger nicht noch einmal hören will, und er nennt sich ein „musikalisches Trüffelschwein”, dem die Algorithmen ständig Neues zutragen. Ohne Streaming würden viele seiner eigenen Lieder von Leuten gar nicht gefunden, sagt er, und wer über zehntausend Streams klage, habe früher auch keine zehntausend Singles verkauft. Das erfolgreiche Comeback der Sportfreunde Stiller hält er ohne die Playlists, in denen „Ein Kompliment” all die Jahre weiterlief, für undenkbar. Für Musikliebhaber sei die Gegenwart beinahe paradiesisch. Bedauerlich findet er nur, dass offenbar niemandem ein vernünftiges System einfällt, die Musiker dafür auch zu bezahlen.

Zwölf Minuten pro Gast

Die Sehnsucht nach dem Ungehetzten zieht sich durch seine Arbeit. Rund 250 Sendungen lang empfing Ringlstetter in seiner Late-Night-Show Gäste, etwa 500 waren es am Ende. Er liebe dieses Format bis heute, sagt er, es sei die Königsdisziplin des Fernsehens. Aber es hat strenge Regeln, und eine davon lautet: zwölf Minuten Talk. Irgendwann strengte ihn die Taktung an, die Lautstärke von Publikum und Band, die Frage im Hinterkopf, ob das Gesagte gerade sendefähig ist. „Ich wollte auf keinen Fall erleben, dass ich irgendwann da sitze und mich das nicht mehr interessiert.” Er beschreibt den Moment, in dem der siebzehnte Schauspieler mit ähnlicher Biografie und neuem Film vor einem sitzt und man nur noch abfragt, was in den Unterlagen steht. Dann komme es nicht mehr zur Begegnung, und gerade die Begegnungen hätten die Sendung ausgemacht.

Dass er gemeinsam mit seiner Co-Moderatorin Caro Matzko den Punkt zum Aufhören fand, bevor Fußballübertragungen oder Sendergeld das Format aufgezehrt hätten, freut ihn bis heute. Er spricht von etwas „Unbestechlichem”. Inzwischen führt er Gespräche in seinem eigenen Podcast, eine Stunde und länger, ohne die Erwartung, dass es lustig werden oder dem Gast ein bestimmter Satz entlockt werden muss. In einer Zeit, die ihm überdreht vorkommt, hält er das ruhige Gespräch für das zeitgemäßere Format.

Das Tempo betrifft auch das Denken. Früher, sagt Ringlstetter, habe man eine Zeitung gelesen, vielleicht noch ein Magazin, sich mit anderen ausgetauscht, und erst daraus sei langsam eine Meinung geworden. Dieser Vorgang dauere eigentlich immer gleich lang, egal mit welchen Medien. „Wir haben halt irgendwann Informationen mit Meinung verwechselt”, und deshalb komme man so schlecht wieder von ihr herunter. Er selbst habe sich politisch schon gründlich getäuscht, und das gehöre dazu. Was er bei Politikern derzeit am meisten vermisst, ist ein einziger Satz: „Ich weiß es nicht.” Erst der zugelassene Zweifel öffne den Raum, in dem man wieder argumentieren und nach Lösungen suchen könne. Für die Kunst gelte das ebenso wie für das politische Denken.

Nachrichten-Apps hat er von seinem Telefon gelöscht. Die Taktung der Eilmeldungen treibe ihn in die Unruhe, und ohne Ruhe gebe es keine Kreativität. Beim Nahostkonflikt traut er sich, obwohl er Geschichte studiert hat, keine Meinung zu, mit der er vor andere treten würde. Seine Antwort auf den Strudel der Meldungen ist eine andere: „Ich gehe jetzt erstmal ins Mitgefühl.” Viel bewirke das nicht, räumt er ein. Wer es aber unterlasse, verliere den Humanismus.

Eine Halle, die allen gehört

Politisch beschäftigt ihn gerade ein Gedanke, den er kürzlich bei Robert Habeck und bei einem Zukunftsforscher gehört hat. Viele deuten den Zulauf zur AfD als Sehnsucht nach der Vergangenheit, auch er habe das lange getan. Bitterer sei die Einsicht, dass die Rechten derzeit die Einzigen sind, die überhaupt eine Zukunft beschreiben, wie auch immer man diese finde. Die sogenannte Mitte, die Grünen eingeschlossen, sei in die Verteidigung des Bestehenden geraten. Utopien müssten es nicht gleich sein, sagt Ringlstetter, aber Bilder, „die über ‚Wir lassen uns die Demokratie nicht kaputt machen’ hinausgehen”.

Wo solche Bilder entstehen könnten, darauf hat er eine bescheidene Antwort, die er umso ernster meint. Konzerte seien Orte, an denen für zwei, drei Stunden etwas anderes gilt. „Es muss Orte geben, die frei sind von all dem.” Mit fehlender Haltung habe das nichts zu tun, man wisse ja, wo er stehe. Aber in einer Konzerthalle sei ein Idiot eben ein Idiot, wenn er einem das Bier übers Hemd kippt, gleich was er sonst denkt. Nach den Jahren der Pandemie und in der jetzigen Stimmung habe diese Idee für ihn neue Kraft gewonnen: „Wir gehen rein in diese Halle, und die gehört jetzt uns allen gleich.”

Wie grundsätzlich er das meint, zeigt seine Antwort auf ein Gedankenspiel. Bliebe ihm nur noch ein einziger Abend, würde er ihn auf einer Bühne verbringen oder in einer Talkshow mit einem Wunschgast? Ringlstetter kam an diesem Tag gerade aus dem Heim, in dem seine 91 Jahre alte Mutter lebt. Mit seiner Frau hatte er sich dort gefragt, wo eigentlich die Parallelwelt liegt: dort, wo die Endlichkeit greifbar ist, oder in dem Zirkus, den alle draußen aufführen, obwohl sie um diese Endlichkeit wissen. Zuerst sagt er, er würde keins von beidem wählen. Er würde den Abend mit den engsten Menschen verbringen und versuchen, etwas Stilles und Friedvolles zu hinterlassen, bei dem es nicht mehr um sein Ego geht. Ginge es allein um Freude, dann um Musik. Gemeinsames Musizieren sei für ihn die „vorspirituelle Energie” dessen, was hoffentlich danach kommt. Musik, glaubt er, sei das älteste Medium der Menschen. Irgendwann habe jemand irgendwo draufgehauen und gehört, dass da etwas herauskommt, das durch ihn hindurchgeht und doch nicht er selbst ist.

Ringlstetters neues Album „Bellavista” erscheint in wenigen Tagen. Im Januar und Februar ist er auf Tour, unter anderem mit einem Konzert in der Münchner Isarphilharmonie.

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Über den Gast

Hannes Ringlstetter

Hannes Ringlstetter, geboren 1970 in München und aufgewachsen in Straubing, ist Musiker, Kabarettist, Schauspieler und Moderator, bekannt geworden mit seiner Late-Night-Show „Ringlstetter”, die er von 2016 bis 2025 gemeinsam mit Carolin Matzko im BR Fernsehen präsentierte. Nach dem Studium der Germanistik und Geschichte in Regensburg stand er zehn Jahre mit seiner Band Schinderhannes auf der Bühne, spielte in Serien wie „Hubert ohne Staller” und „Grünwald Freitagscomedy” und moderierte mit Matzko die Talkshow „Club 1" im Ersten; heute tourt er solo, mit Band und im Duo und führt lange Gespräche in seinem eigenen Podcast. Im Herbst 2026 erscheint sein Album „Bellavista”.